Für die Erfolgsgeschichte der Marke beginnt ein neues Kapitel, denn seit der Jahrtausendwende dringt das Markenmanagement massiv in die Investitionsgüterbranchen vor, in denen die Marke bislang eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Mit der Veröffentlichung von Kotler/Pförtsch 2006 konnte dieser Trend zum ersten Mal quantitativ und qualitativ belegt werden. Wie Marketeers wissen, transportieren Marken Informationen, mindern beim Kauf das verbundene Risiko und stiften ideellen Nutzen. Während im Business-to-Consumer (B2C) Bereich das Markenmanagement schon eine jahrzehntelange Tradition besitzt, entwickeln sich im Business-to-Business (B2B) Bereich Unternehmen, die Best Practice für Markenaufbau und Markenkommunikation sind. Die wichtigsten Aspekte der Markenrelevanz, die aus dem Konsumgüterbereich bekannt sind, konnten auch für den Industriegütermarkt nachgewiesen werden (Ries/Ries, 2005):
1. Homogenisierung bzw. Konvergenz des Angebots, d. h. Produkte und die hierzu erforderlichen Technologien gleichen sich an bzw. werden immer schneller von der Konkurrenz übernommen oder noch übertroffen.
2. Leistungen werden häufig als komplexes und erklärungsbedürftiges Bündel angeboten, d. h. eine gezielte Kommunikation wird immer notwendiger.
3. Preisprämien lassen sich nicht mehr nur über rein funktionale Nutzenparameter erzielen.
Damit wird der Mehrwert der Marke (Brand Value Creation) zum zentralen Aspekt für den Anbieter wie auch für den Nachfrager – es ist der „Mehrwert von Marketing-Aktivitäten im Zeitablauf“, der zählt. Preisprämie oder/und Mengenvorteil bei Preisgleichheit werden zu zwei wesentlichen Erfolgspunkten für den Anbieter. Für den Nachfrager gibt es zwei andere wesentliche Punkte, die den Mehrwert einer Marke kennzeichnen: Reduktion der Qualitätsunsicherheit und emotionales Erleben.
Das gilt auch für B2B-Unternehmen, denn in der Zwischenzeit gibt es unzählige Erfolgsbeispiele für dieses Konzept. In Deutschland sind das Unternehmen wie BASF, Linde, MAN, RWE und SAP, in den USA: Caterpillar, GE, Hewlett Packard (Kotler/Pfoertsch, 2006).
Unternehmen, die den Vorteil der Marken verstanden haben und ihr Markenmanagement professionell managen, können zu Anbietern mit klarer Profilierung im Markt werden. Sie schaffen die Möglichkeit für den Kunden, die Komplexität des Angebots zu reduzieren und sie erzeugen zusätzlichen Mehrwert, indem sie auch intangible Faktoren in gebündelter Form kommunizieren. Die wichtigsten Funktionen, die sich materialisieren lassen, sind dabei:
· Die Funktion der Informationseffizienz ist besonders bei komplexen Anlagen und Systemen wichtig.
· Die Funktion der Risikoreduktion spielt bei investitionsträchtigen komplexen Produkten wie Schaltanlagen und Werkzeugmaschinen eine große Rolle.
· Die Funktion der Erzeugung eines ideellen Nutzens im Dienste der Selbstdarstellung und des Reputationstransfers auf die eigene Kompetenz spielt eine viel größere Rolle, denn auch das nüchterne Buying-Center eines industriellen Abnehmers ist aus Fleisch und Blut.
Ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor für Industrieunternehmen war von jeher eine starke Beziehung zum Kunden. Obwohl in den Industrie- und Investitionsgüterunternehmen schon immer dialogorientiert mit dem Kunden zusammengearbeitet wird, können Marken hier einen weiteren entscheidenden Vorteil erzeugen. Unternehmen stehen deswegen vor der Notwendigkeit, sich für ihr Markenmanagement bewusst zu entscheiden. Unternehmen, die das nicht tun, haben sich dagegen entschieden. Nach der Entscheidung geht es darum, die Dimensionen für das Branding für das einzelne Unternehmen herauszuarbeiten und dann zu steuern. Das sind zum einen die Unterscheidungsfaktoren der Marken (Brand Distinction), die Marken-Kommunikation, die Art und Weise, wie die Marke bewertet wird und die Markenbesonderheiten dieses Unternehmens im Branchenumfeld.
Nach solch einer Entscheidung sollte sich der Erfolg einstellen – langfristig. Markenmanagement ist eine Managemententscheidung mit langem Zeithorizont: drei bis fünf Jahre. Dann erst kommt die Marken-Stärke erfolgreicher Firmen zur Wirkung, da sie das Vertrauen und die Akzeptanz beim Kunden fördern. Unternehmen, die diesen Weg gehen, schaffen sich die Möglichkeit ihr Geschäft auszuweiten und erfolgreicher zu machen. Fallbeispiele gibt es genug, in Kotler/Pfoertsch wurden folgende ausführlich dargestellt:
· FedEx für die Verbesserung der Markenarchitektur,
· Samsung für die Überführung der Markenwerte vom Konsumenten zum Industriegeschäft,
· IBM als Beispiel für die erfolgreiche Unternehmensstrategie und deren Änderung mit Markenunterstützung,
· Siemens für die Verwendung der Marke beim Aufbau eines Cross-Selling Konzeptes,
· Lanxess als Anschauungsbeispiel für die Markierung eines Spin-Off Unternehmens,
· Lenovo für den Markenerfolg Chinesischer Firmen und
· Tata Steel für die Markierung von Standardprodukten.
All diese Beispiele verdeutlichen die Erfolgspotenziale des Branding und zeigen Perspektiven für die Zukunft auf. Natürlich gibt es auch Probleme (Bitfalls), die es zu vermeiden oder zu überwinden gilt.
Abb. 2: Entwicklungsstufen zum Unternehmenserfolg durch Branding
Natürlich muss sich jedes Unternehmen fragen: Sind die Voraussetzungen für die Verfolgung einer Markenstrategie zur Schaffung von Wettbewerbsvorteilen gegeben? Nach dieser unternehmensspezifischen Klärung steht Hightech-Herstellern das gesamte Hightouch-Potenzial zur Markierung von Produkten und Dienstleistungen zur Verfügung. Viele Unternehmen sind von dieser Überzeugung und deren Umsetzung noch meilenweit entfernt, weil sie heute immer noch ihre Unternehmensprioritäten in die Weiterentwicklung der Produkte beziehungsweise der Produktionstechnik legen und über geringe oder keine Marketing-Expertise verfügen. Gerade im internationalen Kontext der B2B-Anbieter müssen Trademarks zu Trustmarks weiterentwickelt werden, um den langfristigen Unternehmenserfolg zu sichern.
Wie aufgezeigt, sichern starke Marken sowohl Preis- wie Mengenvorteile. Wenn ein höherer Preis am Markt nicht durchgesetzt werden kann oder der gesamte Mehrwert der Marke nicht über den Preis ausgeschöpft wird, kann der Mehrwert der Marke für den Anbieter auch als Mengenvorteil in Gestalt eines größeren Marktanteils gegenüber einer „Nicht-Marke“ erreicht werden. Ein weiterer Mehrwert entsteht für den Branding-Anbieter in Form einer Marktzutrittsschranke. Potenzielle Wettbewerber, die in den Markt eindringen würden, werden durch die irreversiblen Kosten in Schach gehalten. Das neue Unternehmen müsste beim Markteintritt die Investition in den Markenaufbau mit einbeziehen. Das profilierte Unternehmen kann im Konkurrenzkampf jedoch darauf verzichten und erzielt somit einen Vorteil in Form einer Marktzutrittsschranke.
Ob sich nun ein Unternehmen dafür entscheidet, eine Marke aufzubauen, liegt maßgeblich an dem erwarteten Markenwert („Brand Equity“). Die kontinuierliche Einhaltung der Leistungsversprechen ist das zentrale Kriterium für einen positiven Markenwert. Die Leistungsversprechen können in der technischen Leistungsbeschreibung des Produkts, aber auch in der bewussten Nachfrageerwartung, die durch die Werbung geschaffen wurde, liegen. Eine entscheidende Rolle beim Ausgangspunkt des Markenaufbaus spielen die Kommunikation der Leistungsvorteile und auch externe Effekte.
Welcher Markenwert erreicht werden kann, war bisher in der Praxis schwer prognostizierbar. Zum ersten Mal wurde dies nun für ausgewählte B2B-Unternehmen ermittelt. Damit wurde auch nachgewiesen, dass sich B2B Brand Management auszahlt.
Abb. 3. Unternehmenserfolg durch Markenmanagement deutscher Dax 30 B2B-Unternehmen
Ausgehend von dem Unternehmenswert, der in der Marktkapitalisierung dargestellt wird, kann sowohl ein überdurchschnittlicher Markenerfolg als auch eine stärkere Steigerung des Unternehmenswertes im Zeitraum von 4 Jahren (2001-2005) nachgewiesen werden. Dieser Nachweis wurde durch das BBDO Brand Equity Evaluation System erreicht. Eine ähnliche Berechnung kann auch mittels dem Interbrand Marken Evaluator erstellt werden. Damit konnte zum ersten Mal die Steigerung des Unternehmenserfolges durch Markenmanagement bei B2B-Unternehmen belegt werden. Der Unterschied der Unternehmenswertsteigerung in dem Untersuchungszeitraum betrug bis zu 30 Indexpunkte, was viele Hunderte von Millionen Euro ausmachen konnte.
Um Unternehmen den Weg zur Markenexzellenz aufzuzeigen, muss unbedingt darauf hingewiesen werden, dass es sich bei der Markierung in erster Linie um eine langfristige Steigerung des Mehrwerts im Zeitablauf handelt, der durch die Marke sowohl für den Anbieter als auch für den Nachfrager generiert wird. Die eigentliche Marke muss somit als Mehrwert von Marketing-Aktivitäten gesehen werden und zwar über die reine Preis-/Leistungs-Performance des zugrunde liegenden Produktspektrums hinaus. Nach dem heute vorherrschenden verhaltenswissenschaftlichen Ansatz existiert die Marke ausschließlich im Kopf des Kunden und ist stets immateriell.
Natürlich kann die Marke durch die Eintragung in das Markenregister beim Patentamt oder durch eine hinreichende Nutzung im geschäftlichen Verkehr gesetzlich geschützt werden (§§3 und §§4 des Markengesetzes), aber ein Unternehmen muss sich stets darüber im Klaren sein, dass die Marke nur im Kopf des Kunden existiert. Speziell für die mittelständische Investitionsgüter-Industrie bedeutet das, dass sie ihre Innovationsbestrebungen nicht nur auf die technologische Kompetenz konzentrieren kann, sondern auch die Marketinginnovationen vorantreiben muss. Sie muss ein unverwechselbares einheitliches Erscheinungsbild, einen hohen Bekanntheitsgrad, gleich bleibende standardisierte Qualität der Leistung und vieles mehr vorweisen, um Kunden auch emotional an ihre Marke zu binden. Und wenn es notwendig ist, wie bei Kuka Roboter geschehen, James Bond einzusetzen, dann sollte man Respekt zollen und den nachgewiesenen Unternehmenserfolg durch Markenexzellenz anerkennen.
Waldemar Pförtsch, International Business Hochschule Pforzheim, ist zurzeit Visiting Professor am Illinois Institute for Technology (IIT) Chicago und wird ab Herbst 2007 das Business Branding Institute an der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai leiten.
Literatur:
Philip Kotler, Waldemar Pfoertsch
B2B Brand Management
Springer New York, 2006, Gebundene Ausgabe
Waldemar Pförtsch,
Marke in der Marke – Die Macht des Ingredient Branding
Springer Heidelberg, 2006, Gebundene Ausgabe
Waldemar Pförtsch, Michael Schmid
B2B-Markenmanagement
Konzepte - Methoden - Fallstudien
Vahlen, München 2004
Peter Godefroid, Waldemar Pförtsch
Business-to-Business-Marketing
Kiehl, Juli 2007
Al Ries, Laura Ries
Die Entstehung der Marken
Redline Wirtschaftsverlag, 2005
Thomas Baaken, Manfred Busche, Thomas Ginter
Business-to-Business-Kommunikation. Neue Entwicklungen im B2B-Marketing
Erich Schmidt, 2002