Von Dr. Dirk Zupancic
Erfolgreiche Unternehmen sind aus Überzeugung verkaufsorientiert, das heisst "sales driven". Sie führen den Verkauf strategisch, strukturieren systematisch und besetzen die Verkaufspositionen professionell. Der Verkauf und das Vertriebsmanagement werden zum strategischen Erfolgsfaktor.
Dies ist das Ergebnis der bisher grössten internationalen Erfolgsfaktorenstudie im Ver-trieb. Die Studie wurde von Dr. Dirk Zupancic, Leiter des Kompetenzzentrums für Busi-ness-to-Business Marketing der Universität St. Gallen, in Zusammenarbeit mit Mercuri International durchgeführt. Sie beruht auf telefonischen Interviews, bei denen Vertriebsmanager von 747 Unternehmen aus 14 Ländern befragt wurden. Ein Auszug davon wird im Folgenden vorgestellt.
Die Top – Erfolgsfaktoren im Vertrieb
Was unterscheidet die erfolgreichsten Unternehmen im Vertrieb von den nicht er-folgreichen? Um diese Frage zu beantworten, wurden aus der Stichprobe die so-genannten Top 10, d.h. die 10% erfolgreichsten, und die Bottom 10, d.h. die 10% am wenigsten erfolgreichen Unternehmen, herausgefiltert. Auf dieser Basis konnten zahlreiche, eindeutige Erfolgsfaktoren identifiziert werden, wovon die die un-tenstehende Abbildung die zehn wichtigsten darstellt. Diese werden in den folgenden Abschnitten aufgegriffen und erläutert.
Das Image des Verkaufs im eigenen Unternehmen sollte gut sein
In den sehr erfolgreichen Unternehmen werden Verkäufer und das Verkaufen als Schlüsselfunktionen angesehen und anerkannt. Es gelingt also nur, wenn der Ver-kauf ein exzellentes Image hat und wenn der Beruf eines Verkäufers geschätzt wird, dass das ganze Unternehmen auf den Kunden und die Marktbearbeitung fokussiert ist. Die Erfolgsfaktoren dazu sind:
• Der „Verkauf“ muss für jeden Mitarbeiter z.B. mittels Informationen über Verkaufsergebnisse in Form von Newslettern, Reports oder Abteilungsinformationen erlebbar werden.
• Verkäufer sollten zu Botschaftern werden, welche die notwendige Verbindung nach „draußen“ herstellen und die dafür sorgen, dass jeder Mitarbeiter seine Bedeutung für den Unternehmenserfolg erkennt.
• Die Führungskräfte müssen sich im Rahmen ihrer Vorbildfunktion mit dem Verkauf identifizieren.
Verkaufsprozesse sollten durch geeignete Instrumente systematisch unter-stützt werden
In jeder Phase eines Verkaufsprozesses werden spezielle Anforderungen an die Kompetenzen der Vertriebsmitarbeiter gestellt. Je genauer den Verkäufern diese Anforderungen bekannt sind und je besser sie in Form von Trainingsmodulen erlernt und trainiert werden können, desto erfolgreicher wird dieser Prozess ablaufen. Erfolgreiche Unternehmen definieren also nicht nur Prozesse, sondern konzentrieren sich auch auf die Optimierung jeder einzelnen Prozessphase. Einen Überblick über eine mögliche Prozessstruktur und die dazugehörigen Trainings und Instrumente gibt die folgende Abbildung.
Verkaufsprozesse sollten klar definiert werden
Intuition reicht im heutigen Verkaufsumfeld nicht mehr aus. Entweder soll ein Kunde gehalten, ausgebaut oder ein neuer Kunde gewonnen werden. Wichtige Verkaufsprozesse und ihr Leistungsbeitrag zur Zielerreichung müssen erfasst und bewertet werden. Erst wenn die Verkaufsprozesse in einzelne Arbeitsschritte zerlegt werden und es klare Beschreibungen von Vorgehensweisen gibt, kann sinnvoll entschieden werden, ob einzelne Schritte nicht rationeller durch andere Vertriebsfunktionen bearbeitet werden könnten.
In fast allen Verkaufsprozessen gibt es abnehmende Erfolgswahrscheinlichkeiten (siehe Abbildung 3). Nur wenn dies berücksichtigt wird, ist eine sinnvolle Kapazitäts- und eine zielgerichtete Aktivitätsplanung möglich, welche auch Fehlentwicklungen rechtzeitig erkennt und Gegensteuer gibt.
Bereichsübergreifende Verkaufsansätze sollten auf geeigneten Strukturen beruhen
Der Verkäufer mutiert immer stärker vom Einzelkämpfer zum "Manager des Projektes Kunde". Verkäufer sollten Kundenprozesse optimieren und Kunden bei ihrer Leistungserstellung erfolgreicher machen. Dazu reicht das Wissen des einzelnen Verkäufers in aller Regel nicht aus. Er muss vielmehr Spezialisten aus dem eigenen Haus in die Kundenbearbeitung integrieren. Sowohl der Verkäufer als auch die internen Spezialisten benötigen dafür die entsprechenden Kompetenzen. Zusätzlich müssen passende interne Kommunikations- und Arbeitsstrukturen geschaffen sowie die Steuerungssysteme angepasst werden. Erst wenn alle Beteiligten von dem besseren Deckungsbeitrag solcher Lösungen profitieren bzw. wenn sie an den Markterfolgen gemessen werden, die ein Kundenteam erreicht, sind die Weichen auf die Optierung des Markterfolges gestellt.
Kundenplanung sollte systematisch erfolgen und schriftlich dokumentiert werden
Erfolgreiche Unternehmen brechen die Planung auf einzelne Kunden herunter. Entscheidend für den Verkaufserfolg bei einem einzelnen Kunden ist es zunächst, die richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt zu bekommen. Es muss analysiert werden, wie Einkaufsprozesse ablaufen, was die Entscheidungskriterien (rational und emotional) der einzelnen Beeinflusser und Entscheider sind, welche Einstellung sie zu uns haben und wie unsere Beziehung zu ihnen aussieht. Anschließend sollte defi-niert werden, welche Entscheidungen wann wie beeinflusst werden sollen. Zusätzlich sind auch die eigenen Produkte und Leistungen zu planen, indem sie positioniert, prognostiziert und produziert werden.
Da Verkäufer nicht gerne planen und sich lieber auf ihre Spontanreaktionen im Kundenkontakt verlassen, kommt es bei einer Kundenplanung entscheidend darauf an, nicht nur Formulare vorzugeben, sondern die Verkäufer vor allem darin auszu-bilden, wie sie Kunden differenzierter und vielschichtiger bearbeiten können.
Verkäufer sollten über eine hohe soziale Kompetenz verfügen
Soziale Kompetenz drückt sich darin aus, dass ein Verkäufer soziale Strukturen im Kundenunternehmen erkennen und verstehen kann. Verkäufer mit hoher sozialer Kompetenz können sich in Kundenorganisationen integrieren und erreichen einen Beraterstatus. Sie positionieren sich als gleichwertige Gesprächspartner, sind frei von Arroganz und haben immer Respekt vor ihren Kunden.
Es werden Verkäufer gebraucht, die vertrauenswürdig und integer sind. Verkäufer, die die persönliche Erfolgssteigerung der Kunden im Fokus haben. Sie versuchen nicht, zu manipulieren, aber sie haben Ziele und sie wissen, dass sie ihre Ziele nur gemeinsam mit anderen Menschen erreichen können.
Je mehr Technik bei den Beziehungen zwischen Kunden und Verkäufern eine Rolle spielt, desto weniger Verkäufer werden gebraucht. Aber diese benötigen eine weitaus höhere soziale Kompetenz als es früher nötig war.
Verkäufer sollten Experten für das Geschäft ihrer Kunden sein
Ausreichende Produktivitätszuwächse lassen sich heutzutage nur noch über die intensive Integration von Lieferanten – oder besser gesagt Partnern – erreichen. Diese Partner müssen das Geschäft des Kunden, seine Märkte und Anforderungen kennen. Für die Lieferanten bedeutet dies in aller Regel, dass sie Leistungsbündel oder individuelle Konfigurationen anbieten müssen, welche aber nicht mehr ohne weiteres mit Wettbewerbsangeboten vergleichbar sind, wodurch direkte Wettbewerbsvergleiche erschwert oder sogar verunmöglicht werden.
Hierbei ist der Verkäufer die entscheidende Schnittstelle zum Kunden. Er muss den Überblick behalten und alle Ressourcen des Unternehmens möglichst effizient auf den Kunden konzentrieren. Ausserdem sollte er auch die wesentlichen Trends in den Absatzmärkten seiner Kunden kennen.
Potenziale des E-Learnings für den Vertrieb nutzen
Im Gegensatz zum Produkttraining kann e-learning beim Verhaltenstraining in aller Regel kein voller Ersatz für klassische Seminare sein. Die Vorbildfunktion des Trainers und das Erleben einer persönlichen Ausstrahlung können elektronische Medien nicht wirklich ersetzen. Aber eine geschickte Kombination von e-learning, Präsenz-Seminaren und einer Implementierungsunterstützung kann die Verkäuferqua-lifizierung enorm erleichtern.
Bei einem solchen „Blended-Learning-Ansatz“ erfolgt die reine Wissensvermittlung über e-learning Module. Anschließend wird in Präsenz-Seminaren die Wissensan-wendung in konkreten Markt- und Kundensituationen diskutiert und in Rollenspielen geübt. Die Umsetzungsunterstützung erfolgt durch begleitende, online-gestützte Wissenstests, ergänzende Informationen und Fallstudien sowie durch ein individuelles Coaching beim direkten Kundenkontakt.
Verkäufer sollten echte Persönlichkeiten mit Ausstrahlung sein
Neben sozialer Kompetenz und der Fachkompetenz für das Geschäft des Kunden ist die individuelle Ausstrahlungs- und Überzeugungskraft eine der wichtigsten Vor-aussetzungen für erfolgreiches Verkaufen. Oft kann sogar nur die Ausstrahlungs- und Überzeugungskraft eines Verkäufers das notwendige Vertrauen und Zutrauen vermitteln.
Ausstrahlungskraft ist einerseits die Art und Weise wie man einen Gesprächspartner ansieht, wie man den Blickkontakt gestaltet. Andereseits ist es die Stimme, die Kraft und Energie ausstrahlen sollte, ohne unangenehm zu wirken. Die Klangfarbe und das Sprechtempo betonen zusätzlich das Gesagte und lassen einen akustischen Spannungsbogen entstehen. Am Entscheidensten ist allerdings, dass der Verkäufer ein Sendungsbewusstsein entwickelt. Er muss an das glauben, was er sagt. Er braucht eine Botschaft für seine Kunden. Ist das der Fall, nimmt er quasi automatisch eine passende Körperhaltung und Gestik an. Die körpersprachlichen Signale und der Inhalt des Gesagten werden zu einer Einheit. Ausstrahlungskraft entsteht.
Erfolgreiche Verkaufsorganisationen werden von einem Customer-Relationship-Management-System unterstützt
Da Kunden und Kundenbeziehungen anspruchsvoller und komplexer werden, müs-sen auch weitaus mehr Markt- und Kundendaten als früher erfasst, ausgewertet und kommuniziert werden. Um solche Daten zu verarbeiten, sind elektronische Systeme zwar nicht unbedingt erforderlich, oft aber hilfreich. Dabei muss allerdings klar aufgezeigt werden, an welcher Stelle des Verkaufsprozesses welche Informationen aus einem System wie genutzt werden können. Es bedarf „Nutzungs-Schulungen“, die deutlich machen, wie ein Verkäufer seine persönliche Arbeitseffizienz steigern kann, wenn er die Daten richtig nutzt. Zusätzlich müssen die Verkäufer auch verstehen, wie sich die Zusammenarbeit mit den Kunden und die Bearbeitung von Marktpotenzialen verändern können, wenn Daten klug ausgewertet werden.
Fazit
Sales Excellence ist kein Zufall, sondern folgt bestimmten Regeln. Es sind aber nicht nur einzelne Faktoren, die über den Erfolg eines Unternehmens entscheiden. Mindestens ebenso wichtig ist es, die Erfolgsfaktoren richtig miteinander zu kombinieren, je nach Markt- und Unternehmenssituation unterschiedlich zu gewichten und miteinander zu verzahnen.
Der obenstehende Text ist ein Auszug aus einem Fachbericht, welcher die Details und Ergebnisse der Studie enthält und vor kurzem publiziert worden ist. Er kann beim Verlag Thexis bestellt werden (E-Mail: imhhsg@unisg.ch oder Tel. 071 224 28 45).